Ganz oben liegt Lettland

In Lettland ist jedes Unternehmen „weiterbildungsaktiv“ (Bild: BFS).

Es ist ein bekanntes Phänomen in der Schweiz: Erscheint in einer Publikation ein internationaler Vergleich, beginnen wir die Suche nach dem eigenen Land meist ganz oben. Oft genug geht diese Strategie auf. Auch in diesem Fall. Im europäischen Vergleich der weiterbildungsaktiven Unternehmen liegt die Schweiz im oberen Viertel. Zusammen mit Österreich belegt sie den fünften Platz. Grund dafür sind die 88 Prozent der hiesigen Unternehmen, die 2015 mindestens eine Weiterbildungsaktivität unterstützt haben. Das zeigt der neue Bericht des Bundesamtes für Statistik (BFS) zur beruflichen Weiterbildung in Unternehmen.

Allerdings: Es ginge noch besser! Ganz an der Spitze liegt nämlich Lettland. Mit unglaublichen 100 Prozent – nicht mehr zu überholen. Ein Vorbild für die Schweizer Wirtschaft?

Es lohnt sich, diese lettische Weiterbildungs-Vollbeschäftigung näher zu betrachten. Bereits die Frage nach der Art der Weiterbildung, die unterstützt wird, zeigt ein differenzierteres Bild. Nur 31 Prozent der lettischen Unternehmen unterstützen den Besuch von Kursen. Im Ländervergleich rutschen sie damit auf den viertletzten Platz ab. Die oben erwähnten 100 Prozent basieren also stark auf Aktivitäten wie Weiterbildungen am Arbeitsplatz, Konferenzen, Workshops oder auch selbstgesteuertes Lernen der Mitarbeitenden. Lettische Unternehmen setzen viel eher auf Weiterbildungen, die nicht im institutionalisierten Rahmen eines internen oder externen Kurses stattfinden. Die Schweizer Unternehmen sind hier weniger einseitig: Nur ein Prozentpunkt unterscheidet die Unterstützung von Kursen (80 Prozent) und anderen Massnahmen (81 Prozent).

Wenn nur die Unterstützung von Kursen betrachtet wird, liegt Norwegen an der Spitze und Lettland weit hinten (Bild: BFS).

Ob Kurse oder andere Formen der Weiterbildung unterstützt werden, sagt noch nichts über das Ausmass der Unterstützung aus. Dieses rückt ins Zentrum, sobald man sich die Frage stellt, wie aussagekräftig der Begriff „weiterbildungsaktiv“ eigentlich ist. Stellen wir uns ein Unternehmen vor, das all seinen 500 Mitarbeitenden einen Kursbesuch ermöglicht, und einen Betrieb, dessen CEO an einer Konferenz teilnimmt. Beide sind nach geltender Definition „weiterbildungsaktiv“, die Wirkung ist jedoch klar eine andere.

Um das Ausmass der Aktivität zu erfassen, hilft ein Blick auf die Teilnahmequoten der Mitarbeitenden. Die Daten, welche das BFS und Eurostat für diesen Vergleich liefern, beziehen sich nur auf die Teilnahme an Kursen und nicht auf andere Massnahmen. Hier befindet sich die Schweiz nicht mehr in der Spitzengruppe, sondern unter dem europäischen Durchschnitt von 49 Prozent. In der Schweiz profitieren 45 Prozent der Mitarbeitenden in Unternehmen, die Kurse unterstützen, von dieser Unterstützung. Lettland schneidet hier leicht besser ab; wenn man aber bedenkt, dass sich dies nur auf die Mitarbeitenden eines knappen Drittels der dortigen Unternehmen bezieht, verblasst die Wirkung dieses Vorsprungs. Interessanter sind hier Irland und Luxemburg. In Bezug auf „weiterbildungsaktive“ Unternehmen liegen sie zwar im Mittelfeld, bei der Teilnahmequote und der durchschnittlichen Länge von unterstützten Kursen jedoch an der Spitze.

Aussagekräftiger als die „Weiterbildungsaktivität“ ist die Teilnahmequote der Mitarbeitenden (Bild: BFS).

Der Vergleich mit Lettland zeigt insbesondere, dass diese Statistiken und der internationale Vergleich mit Vorsicht zu geniessen sind. Das Land als Vorbild zu betrachten, wäre – allein auf Grund der 100 Prozent „weiterbildungsaktiver“ Unternehmen – falsch. Ebenso falsch wäre es, sich auf der „Weiterbildungsaktivität“ der Schweizer Wirtschaft auszuruhen, ohne nachzufragen, welche Bevölkerungsgruppen damit wie stark unterstützt werden. Welche Bildungsziele  verfolgt werden. Wie viel Arbeitszeit und Finanzen die Unternehmen dafür aufwenden. Und welche Rahmenbedingungen diese Faktoren beeinflussen.

Um einen sinnvollen internationalen Vergleich zu ermöglichen, müssten solche Faktoren miteinbezogen werden. Für die Schweiz liefert das BFS im neuen Bericht aber viele interessante Einblicke und Antworten. Den Bericht sowie die wichtigsten Kennzahlen, finden sie auf unserer Seite zur Weiterbildung in Unternehmen.

> zum Bericht des BFS und den wichtigsten Kennzahlen

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