Auf dem Spielfeld zur Zukunft der Weiterbildung

Kollaborativ und interdisziplinär will der Think Tank TRANSIT die Zukunft der Weiterbildung erforschen. Einen ersten Vorstoss unternahmen die Teilnehmenden im Rahmen von «Futures Playground».

Von Nina Thöni

Plakat Graphic Recording

Graphic Recording – entstanden während des Workshops „Futures Playground“. (Bild: SVEB/Ronald Schenkel)

Es ist der 27. August 2018, ein Montag. Normalerweise summt an diesem Wochentag in den Hallen des Migros Museums für Gegenwartskunst nur die Technik. Doch heute hat das Haus eine Ausnahme gemacht und seine Pforten für ein Experiment geöffnet, das – ähnlich wie moderne Kunstprojekte – der Erforschung von unbekanntem Terrain dienen soll: einem Zukunftsentwurf für die Weiterbildung. Es ist ein Anlass im Rahmen des Think Tanks TRANSIT, den der Schweizerische Verband für Weiterbildung SVEB ins Leben gerufen hat.

Auf dem «Futures Playground», so der Titel des Events, sollen die Grenzen der Zukunft der Weiterbildung und des Lernens zunächst einmal ausgelotet werden. Rund 25 Personen sind der Einladung des Verbands gefolgt. Sie entstammen sowohl der Wissenschaft wie der Praxis, sind in unterschiedlichen Fachgebieten verwurzelt: in der Kunst, der Architektur oder den Geisteswissenschaft, der Pädagogik und natürlich der Erwachsenenbildung. Unter ihnen sind Spezialisten für Machine Learning oder der Webkommunikation, Social Entrepreneurs und Filmemacherinnen.

Sie alle stehen am frühen Nachmittag noch etwas unsicher im Raum. Im Hintergrund hallen Gesprächsfetzen von Filmaufnahmen der aktuellen Ausstellung des japanischen Künstlers Koki Tanaka. Darin suchen zwei Protagonisten im Dialog miteinander nach ihrer eigenen Identität. Die Ausstellung bietet mehr als nur einen atmosphärischen Rahmen für die angesetzten Workshops. Er unterstreicht die explorative Offenheit des Think Tanks, der sich als eine interdisziplinäre, netzwerkbasierte Community versteht. Darin sollen Erkenntnisse zunächst kollaborativ erarbeitet werden: im Dialog.

«Künstler sind Pioniere»

Das Stichwort gibt Sibylle Omlin mit ihrem Inputreferat. Sie ist Autorin und Kuratorin, war mehrere Jahrzehnte in der Ausbildung von Künstlern tätig. Diese Erfahrung greift sie auf und sagt: «Künstler sind Pioniere, welche offensichtlich verschiedene Welten auf neue Weise und über neue Wege miteinander zu verbinden versuchen.» Der Künstler lerne spielerisch, er probiere aus, versuche zu verstehen und experimentiere. Mehrmals betont Omlin die Bedeutung des Dialogs im Lernprozess, auch ausserhalb der Kunstwelt.

Mit diesen Gedanken als Arbeitsgrundlage verteilen sich die Anwesenden in Gruppen von zirka fünf Personen im Raum. Die Workshops scheinen zunächst klassisch angelegt: Ausgerüstet mit Papier und Stiften setzt man sich zusammen, in der Mitte ein leeres Flipchart-Blatt. Die Aufgabe: Material generieren und Thesen, Fragen sowie Szenarien zum Lernen der Zukunft zusammentragen. Arbeitssprache ist Englisch. Doch gibt es auch deutliche Unterschiede zur üblichen Gruppenarbeit. Da ist die Musik im Hintergrund, das Museumssetting natürlich, doch vor allem die Aufforderung des Moderators, Szenen zur Illustration der Thesen zu entwickeln, die im Anschluss dem Plenum vorgespielt werden sollen.

Szenische Präsentation der Workshop-Ergebnisse

Doch wie soll «transversales Lernen», welches eine Gruppe einfordert, aussehen? Eine andere Gruppe ist sich noch uneins darüber, ob in der Arbeitswelt schon heute eher nach Fertigkeiten und Kompetenzen gesucht wird oder ob eben doch bloss Zertifikate und Diplome über den Zuschlag für eine Stelle entscheiden. Es herrschen Meinungsverschiedenheiten, aber es herrscht auch eine positive Stimmung. Immer wieder hört man ein Lachen im Raum und das Vorspielen der Szenarien ist nicht nur informativ sondern auch erheiternd. Wie findet in der Zukunft Selektion statt? Eine Gruppe schlägt einen Skill-Scanner in Gestalt eines Roboters vor. In der gespielten Szene schickt er eine Bewerberin zurück in die Weiterbildung, nicht etwa, um an berufsbezogenen Kompetenzen zu arbeiten, sondern an emotionalen Kompetenzen: Selbstoptimierung auch in ganz privaten Gebieten. Die Vision ist so abwegig nicht, schaut man sich trendige Angebote von Anbietern an, die im Grenzbereich zwischen Business-Skills und Lebens-Beratung agieren. Genauso wenig lässt sich die Vorstellung von Lernfarmen abtun, in welchen Menschen zum Lernen gezwungen werden, wie es eine andere Gruppe skizziert.

Was wir von «Burning Man» lernen können

Eine zweite gedankliche Runde läutet die Finnin Outi Kuittinen ein. Sie ist Leiterin der «Co-Creation und Open Innovation» beim Think Tank Demos Helsinki. Mit Blick auf eine sich rasch verändernde Welt stellt sie die Frage: «Wie und wo kann ich und können wir als Gesellschaft lernen, uns selbst ständig neu zu erfinden?» Kuittinen schlägt extreme Lernerfahrungen vor wie ihr Projekt «Space on Fire». Während des Festivals «Burning Man» baute Demos Helsinki mit einer Gruppe von rund 40 Personen bei brütender Hitze in der Black-Rock-Wüste Nevadas eine architektonische Struktur auf inklusive eines Senders, der Signale ins All schickte. Keines der Gruppenmitglieder hatte zuvor Erfahrung beim Bau solcher Konstruktionen gesammelt. Man lernte zusammen das Neue. Clou der Geschichte sei, so Kuittinen, wie bei solch extremen Gruppenexperimenten die Neugierde von Menschen geweckt und alternative Lernmöglichkeiten geschaffen werden können. Am Ende des Festivals ging das Gebäude in Flammen auf. Auch das gehöre zur Lernerfahrung, sagt Kuittinen.

«Doch wie versichern wir, dass sich die Gräben nicht vergrössern, wenn die Verantwortung des Lernens in der Zukunft beim Individuum liegt?», fragt sich eine Gruppe im Workshop. Sie ruft auch in Erinnerung, dass sich nicht alle selbständig ständig neu erfinden wollen und können. Und: «Wie bringen wir die Neugierde solcher Extremsituationen wie bei Burning Man auch in die Klassenräume?», lautet ein ganz pragmatischer Einwurf.

Auf dem «Futures Playground» sind an einem Nachmittag erste Szenarien entwickelt worden, welche die Kerngruppe des Think Tanks nun verdichten wird, um sie in einer nächsten Runde, einem öffentlichen Anlass im Januar 2019 erneut zur Diskussion zu stellen: vor einer breiteren Community aus Akteuren der Weiterbildung. Kollaborativ soll es indes auch später weitergehen. So weckte ein Publikationsziel, das für den März 2019 vorgesehen ist, schon Mal die Neugierde der Teilnehmenden. In einem sogenannten Booksprint soll eine Gruppe von Autorinnen und Autoren aus dem Kreis der Think-Tank-Community innerhalb von fünf Tagen ein Buch zum Thema «Zukunft des Lernens» schreiben und produzieren. Begeisterte Blicke, leeres Schlucken. Aber keine totale Verweigerung.

Mit seinem ersten Event hat TRANSIT gezeigt, dass es ihm ernst ist mit seinem Ansatz des Community-basierten Arbeitens; denn ausgehend von der These, dass dem kollaborativen Ansatz die Zukunft gehört, ist der Think Tank selbst ein Experimentierfeld für zukünftigen Wissensgewinn, ein echter «Futures Playground» eben.

Webseite Think-Tank TRANSIT

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