Eduteering statt Voluntourism

Flugzeug

Muss man wirklich um die Welt fliegen, um zu helfen? (Bild: Pixabay)

Eigentlich bin ich ein grosser Fan von Wortneubildungen. Was beispielsweise bei Brangelina funktioniert, kann auch im persönlichen Freundeskreis die Kommunikation erheblich erleichtern. Doch nicht alles, was so zusammengepackt wird, gehört auch wirklich zusammen. Zum Beispiel das Wort „Voluntourism“. Es bildet sich aus den englischen Begriffen volunteering und tourism – Freiwilligenarbeit und Tourismus. Während die Wortbildung nach der gleichen Logik wie „Brangelina“ funktioniert, ist es in seiner Bedeutung genau umgekehrt. Voluntourism beschreibt nämlich einen Trend, bei dem nicht die Kinder aus der Dritten Welt zu sich nach Hause importiert werden, sondern die eigene Hilfe zu ihnen exportiert wird.

In der aktuellen Ausgabe der Zeit werden einige dieser freiwilligen Gastarbeiter auf ihrer Reise begleitet. Es sind vor allem junge Erwachsene, die gerade ihre obligatorische Ausbildung abgeschlossen haben und in der Ferne etwas Gutes tun wollen. Die meisten würden sagen, die wollen ihren Horizont erweitern. Wer beim SVEB arbeitet, sagt: Die wollen sich informell weiterbilden. Humanitäre Einsätze, Engagement von Jugendlichen, Weiterbildung direkt nach der Erstausbildung – warum sollte sich der SVEB diesen Trend nicht sofort auf die Fahne schreiben?

Ein Trend mit Konsequenzen

Gegen den Nebeneffekt des informellen Lernens durch Reisen und Freiwilligendienst ist nichts einzuwenden. Das Problem liegt in der Verbindung des Hilfsgedankens mit dem kommerziellen Tourismus und dem, was daraus entsteht: Ein Geschäft, das viel Schaden anrichten kann. Das beginnt mit Prospekten von Reiseagenturen, die traumhafte Schnorchel-Exkursionen und durchfeierte Nächte gepaart mit Einsätzen in der Suppenküche anpreisen. Es beinhaltet, dass junge Hilfskräfte einflussreiche und anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, für die sie in ihrer Heimat und genau so im Ausland schlicht nicht qualifiziert sind. Und es gipfelt darin, dass in Kambodscha die Anzahl Waisenhäuser ansteigt, obwohl die Zahl der Waisen sinkt. Die zahlungskräftige Nachfrage nach kurzen Hilfseinsätzen schafft sich ihre eigenen Waisenkinder.

Gewiss gibt es gute Projekte und ehrliche Ansätze des Freiwilligendienstes ausserhalb der Landesgrenzen. Doch wenn sich Abiturientinnen wie Annelie in der Zeit-Reportage auf Grund des besseren Klimas entscheiden, in Namibia statt Südafrika zu helfen, dann stellt sich die Frage, was dieser Trend wirklich zum Ziel hat und ob dieses Ziel die Lerneffekte noch rechtfertigen kann.

Mit viel Wohlwollen kann man Voluntourism zwar als eine Form der Weiterbildung bezeichnen. Immerhin versuchen hier Freiwillige Wissen weiterzugeben und lernen durch die Erfahrungen selbt dazu. Doch beide Aspekte sind kritisch zu beurteilen. Wenn wir in einem Englischkurs in der Schweiz eine qualifizierte Lehrperson verlangen, sollten wir das genauso im kambodschanischen Waisenhaus tun. Und eine Weiterbildung, die ungewollte, negative Konsequenzen für andere hat, rechtfertigt die eigenen Lerneffekte nicht. Eine SVEB-Empfehlung gibt es für Voluntourism nicht.

Alternative auf Augenhöhe

Für alle, die ihr Fernweh vorerst gestillt haben, ohne dabei ihren Altruismus aufgebraucht zu haben, ist eine andere Verbindung sinnvoller: Volunteering und Weiterbildung. Das wäre dann wohl „Volucation“, oder besser „Eduteering“. Das ist akustisch nicht auf Brangelina-Niveau, dafür nachhaltiger. Projekte für Freiwillige gibt es nämlich auch hier, genauso wie Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Und die Qualität des Lernens steigt dabei auf beiden Seiten. Während die wenigsten von uns Experten für die Entwicklung von Drittweltländern sind, haben wir doch meistens andere Fähigkeiten anzubieten. Ich habe beispielsweise eine 30-jährige Erfahrung darin vorzuweisen, in Zürich zu leben. Das beeindruckt vielleicht in einem Bewerbungsdossier niemanden, aber es gibt Menschen, die davon profitieren können.

Etwa die Flüchtlinge, die im Projekt 1:1 Tandem des Solinetz mitmachen. Hier finden Freiwillige und Flüchtlinge zusammen und tauschen sich aus. Einen Brief korrekt adressieren, das zuständige Amt für eine Anfrage ausfindig machen, durch Konversation die Sprache verbessern: Das alles klingt natürlich weniger dramatisch, als im kambodschanischen Dschungel Waisenkindern Englisch beizubringen. Dafür werden Kompetenzen abgefragt, die wirklich vorhanden sind. So erleichtert das Projekt Flüchtlingen den Einstieg in ein neues Leben. Die Freiwilligen lernen einen neuen Blickwinkel auf das Leben in der eigenen Stadt kennen und tauschen Erfahrungen mit  Menschen aus einer anderen Kultur aus.

Der wesentliche Unterschied solcher Projekte ist nicht, dass es dafür keine Hochglanzprospekte gibt und keine Flüge gebucht werden, sondern dass sie auf Augenhöhe stattfinden. Man fliegt nicht für viel Geld an einen fremden Ort, um vermeintliche Heilsbotschaften zu überbringen, sondern tauscht im Gespräch echte Erfahrungen aus und gewinnt neue hinzu. Projekte wie die des Solinetz im Kanton Zürich gibt es in der ganzen Schweiz und nicht nur mit Flüchtlingen. Viele andere Gruppen sind ebenfalls auf freiwillige Einsätze angewiesen. So organisiert etwa das Schweizerische Rote Kreuz Besuche im Blindenwohnheim, Tixi sucht Fahrer für Menschen mit Behinderung und wer doch einen Tapetenwechsel braucht, kann bei Schweizer Bergbauern mithelfen.

Niemand soll aufs Reisen verzichten müssen und schon gar nicht sein freiwilliges Engagement in Frage stellen. Aber verbinden Sie den Hilfsgedanken doch lieber mit lokalem Lernen als mit Tourismus – denn die Verbindungen in Voluntourism und Brangelina klingen zwar gut, passen aber nicht wirklich zusammen.

 

 

3 Gedanken zu “Eduteering statt Voluntourism

    • Danke für Ihr Interesse!
      Mein Name (als Autor) steht ganz oben, unter dem Titel und neben dem Datum! Wird bei allen unseren Blogbeiträgen so angezeigt, ich hoffe auch bei Ihnen!
      Beste Grüsse,
      Philipp Schüepp

      Gefällt mir

  1. Danke für den anregenden Artikel, mit dem ich völlig einverstanden bin. Ich beschäftige mich als Erwachsenenbildner schon länger mit der Frage, wie Freiwilligenarbeit und Kompetenzerwerb sinnvoll kombiniert werden können. Seit zwei Jahren engagiere ich mich zudem ganz praktisch als (freiwilliger) Freiwilligenkoordinator und Kursleiter im Bereich Deutsch für Geflüchtete in Bern. Völliges Greenhorn im Flüchtlings- und Integrationsbereich habe ich selber erfahren, wie viel man beim Engagement lernt, wenn man sich wirklich für die Menschen, die Sachverhalte und die Zusammenhänge interessiert. Nun überlege ich mir, ob das Konzept des „Service Learning“ auf die Erwachsenenbildung übertragen werden könnte. Dabei ist mir das Prinzip „auf Augenhöhe“ wichtig: Alle haben Kompetenzen und können etwas beitragen – alle haben aber auch „Defizite“ und damit Lernbedarf und -bedürfnisse.

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