Apps gegen Bots

Maschine gegen Maschine - kann die Digitalisierung sich selbst im Zaum halten? (Bild: continuumgames)

Maschine gegen Maschine – kann die Digitalisierung sich selbst im Zaum halten? (Bild: continuumgames)

Postindustriell sind wir schon lange. Postmodern sowieso. Und nun auch post-truth. Wir haben die Wahrheit endlich überwunden. Zumindest war «post-truth» Wort des Jahres 2016 des Oxford Dictionary – dem etwa fünf Kilogramm schweren Standardwerk, das man uns damals in der Schule der prädigitalen Ära noch zu kaufen angehalten hatte.

Der Diktionär hält selbstverständlich auch eine Definition für post-truth bereit: Ein Kontext, in welchem objektive Fakten weniger Einfluss auf die öffentliche Meinung haben als persönliche Meinungen und emotionale Appelle. Die Relevanz ist klar, steht doch an der Spitze der freien Welt seit diesem Jahr ein Mann, der über Twitter schon zu ziemlich jedem Thema gelogen hat – mit Erfolg!

Digitale Enten

Fake News lautet das Stichwort, oder Deutsch: Lügenpresse. Früher hiess es einmal Ente. Doch die Zeiten der Verniedlichung sind vorbei. Falschnachrichten sind heute keine Fehler mehr, sondern gewollte Propaganda. Die Digitalisierung hat einen wesentlichen Anteil an diesem Trend, denn auf selbsternannten Newsportalen werden journalistische Regeln problemlos über Bord geworfen. Digitale Nachrichten sind schnell erstellt und noch schneller verbreitet. Die Algorithmen von Facebook sorgen dafür, dass gemachte Meinungen mit immer mehr Material belegt werden, ungeachtet des Wahrheitsgehalts. Und mittlerweile wird nicht nur vom amerikanischen Präsidenten getwittert, sondern auch von Social Bots – Programmen, die sich als Benutzer ausgeben und die gewünschten Meinungen in den sozialen Netzwerken immer wieder reproduzieren. Fake User, die den Fake News mehr Gewicht geben. Und das erst noch ohne Tippfehler.

Doch wie kann man sich dagegen wappnen? Auch dazu kommt eine Antwort aus dem Netz: mit einer Lern-App. Den Waldbrand mit Feuer bekämpfen, digital vs. digital. «Fake News Check» heisst die App, die der Verein Neue Wege des Lernens e. V. gratis zum Download anbietet. 19 Fragen sind darin zu jedem Artikel zu beantworten, den man auf seinen Wahrheitsgehalt hin testen möchte. Die «Zeit» hat die App getestet. Das Fazit: Die Ampel zeigt am Ende praktisch immer Gelb, nie Grün oder Rot. Von Flüchtlingen, die einen Terroranschlag bejubeln, bis zur bevorstehenden Ankunft des Alien-Jesus. Die App sagt: Könnte wahr sein oder auch nicht.

App ohne Antworten

Das Problem wird also nicht für uns gelöst. Eine Applikation, die mehr Fragen als Antworten liefert, die unser Leben nicht einfacher macht? Gut, dass der Download gratis ist, denn als Geschäftsmodell wäre dieser Ansatz aussichtslos. Und doch kann man von der App etwas lernen, nämlich nachzufragen. Wer hat die Nachricht verfasst, mit welchen Quellenangaben und in welchem Stil? Ziel dieser digitalen Nachhilfe ist es nicht, pfannenfertige Beurteilungen zu liefern, sondern die Nutzer für einen kritischen Umgang mit Nachrichten zu sensibilisieren, sprich mit künstlicher Intelligenz soll selbstständiges Denken angeleitet werden.

Warum auch nicht? Ob Gedankenstützen digital oder analog daherkommen, ist im Prinzip egal. Wichtig ist, dass das Denken angeleitet und nicht ersetzt wird. Sonst ist es nur noch ein kleiner Schritt von post-truth zu postdemokratisch.

 

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