Wenn die Digitalisierung Fahrlehrer überholt

Wie lange wohl wird man noch selber einen Wagen steuern?

Wie lange wohl wird man noch selber einen Wagen steuern? (Bild: Pixabay)

Die Digitalisierung wird unweigerlich ein paar Berufe aussterben lassen. Sollten selbststeuernde Autos tatsächlich die Strassen erobern, wird es wohl auch die Fahrlehrer treffen. Eine Fiktion.

Als Mary Meier die Autotür schloss und mit ihrem gerade erworbenen Fahrausweis in den Sommermorgen hineinspazierte, wusste Kuno Burger, dass das nun das Ende war. 25 Jahre war Kuno als Fahrlehrer tätig gewesen. Er hatte allen möglichen Menschen das Fahren beigebracht, den coolen Typen, die glauben, alles schon zu können, bevor sie noch das erste Mal aufs Gaspedal gedrückt hatten, den umsichtigen jungen Frauen, die partout nicht schneller als 50 Kilometer pro Stunde fahren wollten, den Spätzündern, die dank Linsenoperation, künstlichen Hüftgelenken und einem Beschleunigungssensor fürs Hirn auch mit 103 noch den Eignungstest für das Lenken eines individuellen Kraftfahrzeuges bestanden. Allen. Einfach allen.

Das Ende des Selberfahrens

Und nun das Ende, das Ende von „Kunos Fahrfreuden“. Es würde keine Fahrschüler mehr ausbilden, weil kaum mehr jemand selbst fahren wollte. Es war ganz einfach unmöglich geworden, mit einem selbstgesteuerten Auto irgendwohin fahren zu wollen. Von den Hauptverkehrsrouten waren die Selbstlenker nach und nach verdrängt worden von den sogenannten IU, „Individual Units“. Die eiförmigen Dinger, die einen führerlos überall hinbrachten, hatten die Strassen übernommen bis hin zum hintersten Feldweg.

Kuno hasste sie. Wer wie er noch auf dem Recht beharrte, das Lenkrad selbst in der Hand zu halten, musste sich mit unmöglichen Seitenstrassen begnügen und riesige Umwege in Kauf nehmen. Um dann natürlich keinen Parkplatz zu finden, weder in den Städten noch in den Dörfern.

Keine Unterstütung für Kleinunternehmer

Die Sharing-Economy, die seit den 2000er Jahren alles überzogen hatte, hatte sich kurz vor 2020 auch im Individualverkehr durchgesetzt. Die IU, die man per App bestellte und darüber auch bezahlte, hatten zuerst die Taxis aus dem Geschäft geworfen. Damals dämmerte es Kuno, dass sich bald auch für ihn etwas ändern würde. Aber was sollte er tun? Seine Branche hatte keinen Plan, wie auf die Veränderungen zu reagieren sei. Wer wollte, konnte sich umschulen lassen. Schön und gut. Aber zu was? Und da war noch das liebe Geld. Kuno war Alleinunternehmer. Es gab niemanden, der ihn unterstützte.

Die Chauffeure des öffentlichen Verkehrs hatten es da schon besser. Für sie wurde gesorgt. Die meisten sassen heute hinter Bildschirmen und überwachten den Computer, der den Verkehrsfluss überwachte. Auch nicht das Gelbe vom Ei, dachte Kuno, als er Mary Meier nachschaute, die mit energischem Schritt ihres Weges ging.

Die Gewinnerin

Sie hatte es gut, ihr würde die Arbeit nicht ausgehen. Sie war eine Gewinnerin der Digitalisierung. Ihre Firma arbeitete an mobilen Zahlungsmethoden, solchen, mit denen man die Gebühren für eine Fahrt im IU bezahlte.

Aber was hatte sie gesagt? Fahren sei die letzte Freiheit des Menschen. Deshalb habe sie es lernen wollen. Viele Gelegenheiten, die Freiheit zu geniessen, würde sie nicht mehr haben, dachte Kuno mit Bitterkeit.

Die letzte Freiheit des Menschen. Kuno verschränkte die Oberarme über dem Steuerrad seines Honda Super E, den er erst vor zwei Jahren gekauft hatte, und senkte die Stirn auf sie nieder. Seit Jahren feierten die Politiker die Digitalisierung als Befreiung des Menschen von allen möglichen Dingen, vor allem von menschenunwürdigen Beschäftigungsformen. War Fahren und das Ausbildung von Selbstlenkern eine unwürdige Beschäftigung? Bestimmt nicht, dachte Kuno.

Aber weg war weg. Und er musste sich etwas einfallen lassen. Was konnte er ausser dem virtuosen Steuern eines Wagens durch den Dschungel einer Stadt denn sonst noch?  Es fiel ihm nichts ein.

Wären die letzten Ersparnisse aufgebraucht, würde nur noch der Gang zum Sozialamt bleiben. Die Abhängigkeit vom Staat, die Schmach der Arbeitslosigkeit. Kuno knirschte mit den Zähnen.

Die Warnung

Er erinnerte sich an eine Diskussion, die sein Verband organisiert hatte. Zehn Jahre musste es her sein. Auf dem Podium ein junger Mann von einem anderen Verband, einem, der sich für Weiterbildung einsetzte. Warnend hatte er mit seinem schlanken Finger Löcher in die Luft gebohrt und von der Notwendigkeit der Weiterbildung gefaselt. Kuno und seine Kollegen hatten gelacht. Damals hatte die Autoindustrie noch gebrummt und die Menschen kauften sich Autos wie Süssigkeiten. Wer ernsthaft von einer Zukunft ohne Autos gesprochen hatte, wurde als Phantast belächelt.

Dann ging alles rasend schnell. Fast über Nacht, so kam es Kuno vor, hatte sich alles verändert. Eines Tages waren sie da, die IU. Sie funktionierten tadellos. Fanden jede Destination. Vom Bestellen bis zum Bezahlen lief alles reibungslos und einfach. Und sie fuhren völlig unfallfrei. Ihre Verkehrssysteme vermieden darüber hinaus Staus. Die künstliche Intelligenz, die sie steuerte, schien tatsächlich der menschlichen überlegen, zumindest auf der Strasse.

Und so hatte sie am Ende Kuno arbeitslos gemacht.

Kuno schloss die Augen. Früher war die Stadt erfüllt von Motorengeräuschen. Jetzt hörte er bloss das leise Zischen der IU und die Stimmen von Passanten. Was er jetzt tun würde? Er würde seinen Motor starten, würde ihn aufheulen lassen. Und dann? Dann würde er mit Vollgas das nächste dieser eierförmigen Dinger rammen, die ihm das Leben versaut hatten. Fertig. Sollte man ihn doch aus dem Verkehr ziehen. Er war ja ohnehin schon auf dem Pannenstreifen gelandet.

Kuno richtete sich auf, drückte den Startknopf seines Wagens. Der Hybrid hatte zwar nicht den Sound eines Rennwagens, aber die Leute sahen sich um, als Kuno das Pedal runterdrückte. Und schon kam eines dieser Spielverderber angezischt, leicht, geräuschlos, elegant.

Im Innern zwei Männer in Anzügen, die sich unterhielten. Sie sassen sich unter der gläsernen Glocke gegenüber. Die Strasse brauchte sie nicht zu kümmern. Wartet nur, dachte Kuno, und legte den Gang ein.

Da klopfte es an die Scheibe. Vor Schrecken liess Kuno die Kupplung sausen und der Wagen machte einen Hüpfer. Der Motor erstarb.

Die Idee

Verdammt, dachte Kuno, so weit war es mit ihm schon gekommen. Das war ihm in seiner ganzen Karriere noch nie passiert. Vor dem Wagen stand Mary Meier. Auch sie hatte sich erschrocken, hatte einen Schritt zurückgetan, hielt die Hände vor die Brust.

Kuno fasste sich, senkte das Fenster auf der Beifahrerseite.

„Ja?“, sagte er etwas heiser.

„Herr Burger, entschuldigen Sie. Ich wollte nicht…“

„Ja?“, wiederholte Kuno nun schon etwas unwirsch.

„Ich würde gerne etwas mit Ihnen besprechen. Ich glaube, es könnte Sie interessieren. Darf ich einsteigen?“

Täuschend echt

Mary Meier war damals eingestiegen und Kunos Leben hatte eine unerwartete Wende genommen. Zwei Jahre später sass Kuno wieder hinter einem Steuer. In einem 1968er Ford Mustang brauste er durch San Francisco. Aus den Lautsprechern erklang Musik, die ihn an seine Eltern erinnerte. Sie passte perfekt zum grollenden Motorengeräusch.

Kuno war zufrieden, zufrieden mit der Fliehkraft, die ihn in den Sitz drückte, zufrieden mit dem ganzen Ambiente, dem täuschend echten Gefühl. Denn Kuno fuhr nicht wirklich durch San Francisco. Er sass in einem Simulator. Im besten Simulator der Welt, dem authentischsten Fahrsimulator für Nostalgiker.

Kuno hat an ihn zusammen mit einem arbeitslos gewordenen Ingenieur für Verbrennungsmotoren, einem Team von Game-Entwicklern, einem Psychologen und vielen andern geschaffen. Aber die Idee hatte damals Mary Meier gehabt. Und die klevere Geschäftsfrau mit Phantasie hatte auch das Geld beschafft. Kuno sollte ihr Spezialist fürs Fahrgefühl sein, damit die letzte Freiheit des Menschen so wirklichkeitsnah wie möglich erlebt werden konnte.

Allerdings hatte Kuno einiges dazu lernen müssen. Ohne ein paar grundlegende Kenntnisse über virtuelle Realitäten ging es nicht. Vor allem aber musste Kuno lernen, sich in einem Team zu bewegen. Er musste lernen, mit Leuten zu sprechen, die ganz andere Ideen im Kopf hatten und eine ganz andere Sprache sprachen. Die entsprechenden Kurse zu finden, war nicht schwer. Dazu gab es schliesslich, Digitalisierung sei Dank, eine Suchmaschine.

Je realer der Simulator wurde, desto häufiger musste Kuno auch wieder Fahrstunden geben. Und so brachte Kuno bald wieder allen die Kunst bei, sich durch den Stadtverkehr zu schlängeln oder auf einer verschneiten Strasse den Wagen in der Spur zu halten, den coolen Typen, den  jungen Frauen, den Spätzündern.

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