Weiterbildung goes Hollywood

Wie man Tennisspielen lernen soll allein vor dem Computer sitzend, bleibt das Geheimnis von Masterclass. (Bild: Screenshot)

Wie man Tennisspielen lernen soll allein vor dem Computer sitzend, bleibt das Geheimnis von Masterclass. (Bild: Screenshot)

Zehn Sekunden dauert es, bis man sie wegklicken kann. Was uns vor kurzem noch fürchterlich gestört hat ist heute bereits Normalität: Youtube schaltet vor fast jedem Video, das man sich ansehen will, Werbung. Zehn Sekunden, das sind noch keine RTL II Dimensionen, und doch, die Mühen des Fernsehers haben den Laptop eingeholt – irgendwie müssen ja auch digitalisierte Geschäftsmodelle Geld abwerfen.

Vor kurzem tauchte vor mir in einem dieser Werbe-Videos Steve Martin auf; der Schauspieler, Comedian und Musiker mit dem jungenhaften Gesicht und den schneeweissen Haaren. Auch er hatte etwas zu verkaufen: eine Weiterbildung.

Für jeden Traum das passende Angebot

Digitalisierung in der Weiterbildung, das hiess bisher MOOCs, Moodles oder Wikis – wenig Glamour. Bis man es mit Hollywood verband. Die Idee stammt aus San Francisco und das Unternehmen nennt sich mit US-amerikanischer Bescheidenheit „MasterClass“. Entscheidend sind dabei nicht die Kursinhalte, sondern wer sie vermittelt: Berühmtheiten. Ein konsequenter Ansatz, denn wenn schon etwas lernen, wieso nicht gleich von den Besten?

Hinzu kommt ein weiteres Instrument der Digitalisierung: targeted Marketing. Google weiss ja, dass ich auf Youtube eher nach Comedians als nach Dokumentarfilmen suche. Deshalb will mir Steve Martin nun den Traum des Komikers verkaufen. Denn MasterClass hätte auch noch andere Träume im Angebot. Zum Beispiel einen Bestseller schreiben mit James Patterson, preisgekrönte Filmmusik komponieren mit Hans Zimmer oder dank Annie Leibovitz mit den nächsten Ferienfotos die Verwandten verblüffen.

Kernstück des Angebots sind hochwertig produzierte Videos, in denen der „Master“ direkt zum Zögling spricht. Ganz intim und persönlich. Hinzu kommen Übungen, Lerngruppen und verfilmte Fragestunden. Mit viel Glück beantwortet also der Meister höchst persönlich  die eigenen Fragen. MasterClass zieht alle Register der Digitalisierung und wendet sie konsequent auf die Weiterbildung an. Sogar Register, die der technologischen Entwicklung voraus sind: „Serena Williams teaches Tennis“ heisst einer der Kurse. Da muss sich die virtuelle Realität noch ein ganzes Stück weiterentwickeln, bevor Serena uns auf dem Tennisplatz die Bälle um die Ohren haut. Bevor das möglich ist, sind die Chancen doch eher klein, dass die nächste French Open Siegerin vor dem Laptop statt auf dem Platz ihren Top Spin perfektioniert hat.

Nachhilfe für die Weiterbildung

MasterClass ist Hollywood und es tut genau das, was Hollywood am besten kann: Träume verkaufen. Während der Wert als Weiterbildung sicher kritisch hinterfragt werden muss, bleibt der eingeschlagene Weg doch interessant. Nicht nur als neues Geschäftsmodell, sondern auch für die Umsetzung von digitalem Lehren und Lernen.

Auf Seiten der Bildungsanbieter herrscht ein Konsens über die bleibende Notwendigkeit der persönlichen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler und eine grosse Skepsis darüber, wie dies im digitalen Rahmen gewährleistet werden soll. MasterClass hat genau diese persönliche Beziehung ins Visier genommen und prominent umgesetzt. Wenn Hollywood in die Weiterbildung drängt, kann ja vielleicht auch die Weiterbildung noch was lernen.

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