Lesereisen

Lesen mit verbundenen Augen

Wer Lesen nur lernt, um seinen Job machen zu können, verpasst das Wesentliche.

Kürzlich bekam ich in der Buchhandlung ein Lesezeichen, auf dem stand: „Die Welt ist ein Buch. Wer nicht reist, liest immer nur die erste Seite.“ Zeit zu reisen hatte ich nicht, aber vielleicht, so dachte ich, lässt sich das Zitat auch umkehren: Bücher sind Welten. Wer nicht liest, verbringt sein Leben in der Bahnhofshalle, in der eigenen Garage oder im Flughafengebäude. Alles keine besonders attraktiven Aussichten.

Mehr lesen also, um in der Welt herumzukommen, aber auch dafür fehlt oft die Zeit. Was liegt da näher, als sich vorlesen zu lassen? Gelegenheit dazu boten Ende Mai die Solothurner Literaturtage, die jährliche Werkschau der Schweizer Literatur.
Der Besuch einer solchen Veranstaltung hat erst noch den Vorzug, dass er – in der Logik des Bundesamtes für Statistik – als non-formale Weiterbildung zu Buche schlägt. Im Gegensatz etwa zum einsamen Lesen, das lediglich als informelles Lernen durchgehen würde, wobei ausserdem fraglich ist, ob das Lesen von Romanen überhaupt als Lernaktivität gilt. Wäre ich für die Statistik zuständig, würde das Bücherlesen aber unbedingt als Lernaktivität gelten, auch wenn man Romane und Gedichte natürlich nicht liest, um zu lernen, sondern – eben: um fortzukommen.

In drei Tagen um die Welt

Da war also dieses Literaturfest eine willkommene Gelegenheit, in nur drei Tagen durch mindestens vier (Sprach-)Welten zu reisen. Die erste Lesung, klassisch angelegt: Ein Autor sitzt auf der Bühne und liest aus seinem druckfrischen Roman vor. Obwohl er ganz passabel liest, schlafe ich nach wenigen Minuten ein und bekomme von der ganzen Lesung gerade mal mit, wie die Hauptfigur heisst und womit sie hadert. Zwar geht das Einschlafen nicht allein auf das Konto des Buchs und seines Schöpfers, aber das ändert nichts daran, dass ich nach einer Stunde in der gleissenden Sonne stehe und denke: Macht nichts, ich könnte, wenn ich wollte, das Buch ja kaufen und selber lesen, habe im Grunde also nichts verpasst.

Vorsichtshalber wähle ich als nächstes dennoch keine klassische Lesung, sondern eine „Stunde der kurzen Form“: Pecha Kucha, eine aus Japan stammende Vortragsform mit jeweils 20 Powerpoint-Folien à 20 Sekunden, sodass jeder Vortrag exakt sechs Minuten und vierzig Sekunden dauert. Da bleibt für Langeweile nicht viel Raum. Und tatsächlich ist es beeindruckend zu sehen, was so ein fixes Korsett an Witz und Kreativität freisetzen kann. Man würde sich wünschen, dass Pecha Kucha obligatorischer Bestandteil jeder didaktischen und rhetorischen Ausbildung wäre!

Derartig auf den Geschmack der kurzen und szenischen Form gekommen, besuche ich anschliessend mehrere Spoken-Word-Anlässe. Da wird erzählt, gesungen, gejault und gekreischt, mitunter musikalisch untermalt von Gitarren und Konservendosen. Hat man ausserdem das Glück, Michael Fehrs halb gesprochene, halb gesungene minimalistische Geschichten auf der Bühne zu hören, begreift man sofort, warum ein Ausflug im eigenen Quartier so ergiebig sein kann wie eine Reise ans Ende der Welt.

Und doch: So reizvoll diese Lesungen sind, vorgelesene Texte bleiben doch nur vor-gelesene und nicht gelesene Texte. Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen der Gruppenreise und dem Alleinreisen. Im ersten Fall wird vieles vorgegeben und vorinterpretiert, im zweiten ist man im eigenen Tempo unterwegs und muss sich die Geschichten, die man erlebt, letztlich selber erzählen.

Lesen als Weiterbildung?

Das Vorlesen ist in der Weiterbildung wohl aus der Mode gekommen, Lesen und Geschichtenerzählen hoffentlich nicht. Schliesslich weiss man, dass das Gehirn Inhalte, die als Geschichten vermittelt werden, besser aufnehmen kann als abstrakte Fakten. In der Weiterbildung scheint man sich trotzdem wenig mit dem Lesen auseinanderzusetzen. Wenn darüber nachgedacht wird, geht es meistens um Defizite und um die pädagogischen Bemühungen, diese zu beheben. Im Zentrum stehen das Thema Illettrismus und um der Bedarf an Kursen im Lesen und Schreiben für die rund 800’000 Erwachsenen, die in der Schweiz leben und nicht in der Lage sind, einen einfachen Text zu lesen und zu verstehen.

Gegen die Bemühungen, den Illettrismus zu beseitigen, ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Dass alle Erwachsenen lesen und schreiben können, ist auch ein wichtiges Ziel des SVEB. Auch für die Bildungspolitik stehen die Grundkompetenzen mittlerweile weit oben auf der Prioritätenliste, und das aus gutem Grund: Personen, die nicht lesen, schreiben, rechnen und digitale Geräte nutzen können, sind auf dem Arbeitsmarkt zunehmend schwieriger zu integrieren, was hohe Kosten verursachen kann.

Nun lernt zwar keiner lesen, um die Staatskasse zu schonen, aber die Angst um den Arbeitsplatz dürfte tatsächlich ein häufiger Grund sein, einen Lesekurs zu besuchen. Angst ist vielleicht nicht der beste Motivator, aber in diesem speziellen Fall doch ziemlich produktiv. Bekommt man mit der Lesekompetenz doch nebenbei eine komplette Reiseausrüstung dazu geschenkt. Dieser schöne Nebeneffekt wird allerdings übersehen, wenn man das Lesenlernen nur als Beitrag zum besseren Funktionieren am Arbeitsplatz versteht. Es wäre schön, wenn die Kursleitenden daran denken würden, den Teilnehmenden zu sagen oder besser noch zu zeigen, dass sich die mühevoll erlernten Buchstaben auch sehr gut als Reisevehikel eignen. Andernfalls bleiben viele der zu Lettristen gewordenen Illettrismen am Ende doch Stubenhocker.

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