Lernen in der virtuellen Welt

Die virtuelle Welt wird kein Ersatz sein für die Realität. Aber sie wird irgendwann auch beim Lernen dazugehören. (Bild: Pixabay)

Vor zwei Jahren sass ich das erste Mal in einem Virtual-Reality-Kino. Dort, wo normalerweise der liebenswürdige Kurt Aeschbacher seinen Gästen harmlose Fragen stellt, in seinem Aeschbi-Container neben dem Schiffbau in Zürich, standen bequeme, drehbare Sessel. Auf denen liess man sich nieder, setzte eine 3-D-Brille auf und wurde in fremde Welten katapultiert – zum Beispiel nach New York, wo ich wie, ein virtueller Passant, durch Manhattan schlenderte, oder, deutlich extravaganter, auf der Höhe des obersten Stockwerks eines Wolkenkratzers über einer Strassenschlucht schwebte. Es folge dann ein deutlich unbehaglicheres Erlebnis. Die nächste Reise ging in ein Flüchtlingscamp in der Wüste. In diesem stand ich mitten unter Kindern auf einem staubigen Platz und sah ihnen zu, wie die trostlose Einöde zu ihren Spielplatz machten.

Wie ein Vogel

Geflogen bin ich auch schon – als Vogel über Seattle. Möglich machte dies der Flugsimulator der Zürcher Hochschule der Künste „Birdly„. Ich kurvte, den Flugwind im Gesicht, zwischen den Häusern, musste kräftig mit den Armen schlagen, damit ich an Höhe gewann und ging anschliessend in den Sturzflug über. Durch die 3-D-Brille sah ich die Stadt unter mir vorbeirauschen – bis ich, der Künste doch nicht ganz mächtig, in die Glasfassade eines Gebäudes krachte. Ich trug natürlich keinen Kratzer davon, weil ich ja auf einem Simulator lag, der sicher und fest im Toni-Areal stand.

Das ist das Gute an virtuellen Realitäten: Man überlebt das Abenteuer unbeschadet. Genau das aber macht die Technik zum perfekten Trainingsinstrument. Jeder kennt den klassischen Flugsimulator, in dem angehende Piloten üben, bevor sie auf echte Flieger losgelassen werden. Aber auch in anderen Branchen kommt VR als Trainingsanlage zum Einsatz. An der Universitätsklinik in Bern wurde mir ein Simulator vorgestellt, mit dem virtuell ein Verfahren für eine schonende Leberoperation geübt werden konnte.

Bereits wird VR auch zu Therapiezwecken genutzt: bei Höhenangst zum Beispiel.
Das Erlebnis ist unmittelbar, kommt einem ganz nah. Der Schwindel ist echt. Die Absturzgefahr aber ist gebannt.

Die Technik schreitet voran

In den letzten zwei Jahren hat die VR-Technologie einen grossen Sprung gemacht. 360-Grad-Aufnahmen sind präziser und hochauflösender geworden, ihre Herstellung deutlich günstiger. Die Headsets kosten nicht mehr die Welt und sind für jeden und jede zu haben.

Es ist also absehbar, dass VR nicht nur in Bereichen zum Einsatz kommen wird, in denen es um die Vermeidung von Risiken an Leib und Leben geht. Das Sprachtraining in der virtuellen 3-D-Welt ist bereits Realität, wenn das ganze auch noch etwas holprig daherkommen mag. Die Idee ist aber dieselbe wie beim Flugsimulator oder dem Besuch im Wüstencamp. Man taucht in eine Situation ein, erlebt sie als real und verhält sich entsprechend.

Neue Technik folgt eigenen Regeln

Der virtuelle Raum wird zum Lernort für alles Mögliche werden, das ist nur eine Frage der Zeit. Doch damit stellen sich wiederum neue Herausforderungen für die Anbieter, die Designer der Kurse und natürlich die Pädagogen. Wer heute bereits einen MOOC, einen Massive Open Online Course, auf die Beine stellt, weiss, dass er nicht einfach den Regeln einer Vorlesung folgen kann. Die Inhalte müssen für das Medium aufbereitet werden. Die Interaktion mit den Lernenden folgt anderen Gesetzen als im Hörsaal. Nicht umsonst bietet die EPFL ein sogenanntes MOOC Camp an, in dem man mit den Eigenschaften vertraut gemacht wird – leider nur auf Einladung.

Ein VR-Kurs, der den Namen verdient, wird wiederum eine andere Regie verlangen, genauso wie die 360-Grad-Dokumentation aus dem Flüchtlingskamp keine normale Reportage ist: Nicht der Autor, die Autorin bestimmt den Blickwinkel oder legt den Bildausschnitt fest. Ich habe, auf meinem Drehstuhl in Aeschbachers Container sitzend, selbst entschieden, wohin ich blickte, wovon ich mich ablenken liess. Ich war mitten drin. Und die Nähe löste eine Betroffenheit aus, gegen die ich mediengeübter Konsument beim normalen Film wohl längst immun geworden bin. Wer eine VR-Lernsituation erschafft, wird sich ebenfalls mit mehr als nur mit Vokabeln und Grammatik befassen müssen.

Aber brauchen wir das wirklich? Diese Frage wird die Entwicklung weniger beeinflussen als die technische Machbarkeit. Wie bei jeder neuen Technik aber wird auch VR den klassischen Unterricht nicht verdrängen. Zu einem Bestandteil der Angebote wird die virtuelle Welt allemal. Deshalb sollte man davor nicht die Augen verschliessen.

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