Behinderte wollen selbst entscheiden

Sportler an den Paraolympics

Ein behinderter Sportler an den Paraolympics. (Bild zvg)

Eigentlich ist alles ganz einfach: Menschen mit einer Behinderung haben die gleichen Rechte punkto Aus- und Weiterbildung wie Nicht-Behinderte. Eigentlich. Die Praxis sieht natürlich anders aus. Insbesondere in der Erwachsenenbildung. Gemäss einer aktuellen Umfrage des SVEB unter Weiterbildungsanbietern ist der Zugang von Behinderten zu ihren Angeboten nur bei 56 Prozent der Befragten ein Thema. Und ist es das, so beziehen sich zwei Drittel dieser Anbieter auf Personen mit einer körperlichen Behinderung. Ob Menschen mit einer psychischen Behinderung oder einer Sinnesbehinderung Zugang zu ihren Angeboten haben sollen, ist nur für einen Drittel der befragten Anbieter ein Thema.

Für die Mehrheit der Bildungsanbieter kein Thema

Der SVEB führte die Umfrage unter 2000 Weiterbildungsinstitutionen durch. Von diesen nahmen 255 teil – eine Rücklaufquote von gerade einmal 13 Prozent. Unter jenen, die teilgenommen haben, dürfte eine gewisse Sensibilität gegenüber dem Thema ohnehin bestehen. Mit anderen Worten: Eine überwiegende Mehrheit der Weiterbildungsanbieter, so muss angenommen werden, geht der Frage nach einer integrativen oder gar inklusiven, das heisst einer schrankenlosen Teilhabe von Behinderten lieber aus dem Weg.

Doch Vorbehalte gerade von privaten Anbietern gegenüber einer Gleichbehandlung von Behinderten und Nicht-Behinderten sind nicht einfach von der Hand zu weisen. Steht überhaupt das fachlich-didaktische Know-how zur Verfügung? Sind die Kursleiterinnen und –leiter entsprechend ausgebildet? Steigen die Kosten? Auch wenn gegenüber Menschen mit einer körperlichen Behinderung weniger Berührungsängste bestehen, so kommen gewisse Angebote aus Sicht der Anbieter schlicht nicht in Frage. Dazu müsste man indes einwenden: Nicht-Behinderte neigen dazu, Behinderten vorweg Potentiale abzusprechen.

„Weiterbildung für alle“ ohne Anbieter

Behinderte Menschen möchten in erster Linie selbst entscheiden können, was sie tun, lassen und ausprobieren wollen. Diese Forderung hat eine Gruppe von Betroffenen anlässlich einer Veranstaltung, die dieser Tage von Pro Infirmis, insieme und des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung SVEB durchgeführt wurde, eindrücklich kundgetan. Die Fachtagung unter dem verheissungsvollen Titel „Weiterbildung für alle“ setzte sich mit der Inklusion von Menschen mit einer geistigen Behinderung auseinander. Leider vermisste man just eine starke Vertretung der Weiterbildungsanbieter. Sie hätten bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit gehabt, Vorurteile und vielleicht auch Ängste abzubauen.

So wollten sich jene Betroffenen, die anlässlich der Tagung selbst und selbstbewusst die Bühne betraten, auch weniger als Behinderte verstehen denn als Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Welche Weiterbildung sie wahrnehmen können und wollen, möchten sie selbst bestimmen – wie jeder und jede andere auch. Sie möchten dazugehören. Und ganz nebenbei gesagt: Sie haben auch ein Recht dazu.

Keine Stigmatisierung

Das Risiko zu scheitern, gehört wohl dazu. Aber muss es grundsätzlich höher sein, als bei sogenannt normalen? Es gibt in jeder Lernsituation unterschiedliche Tempi, unterschiedliche Problemstellungen. Wichtig für Menschen mit Behinderung ist in einem solchen Setting vor allem, nicht von vornherein stigmatisiert zu werden.

Dass ein Kursleiter, eine Kursleiterin natürlich zu wissen braucht, mit wem er es zu tun hat, versteht sich von selbst. Aber müssen es die übrigen Teilnehmer? Auch Diskretion gehört zur Gleichbehandlung.

Natürlich müssen Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung zunächst einmal von den Angeboten erfahren und da spielt das Entgegenkommen der Anbieter wohl wirklich eine entscheidende Rolle. Doch würden verständliche Ausschreibungen ohne Kleingedrucktes nicht auch uns, die wir uns als Nichtbehinderte verstehen, einen Dienst erweisen? Wahrscheinlich schon. Auf einander zuzugehen kann plötzlich auch ganz nette Nebeneffekte haben. Man muss es einfach ausprobieren.

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